Trainerfortbildung der HG-Handballer zeigt die Bedeutung von Bewegung für die Gesellschaft

Linus hört aufmerksam zu, als der Lehrer die Hausaufgaben aufgibt: „Lest die Geschichte auf Seite 34 und bearbeitet die Aufgaben 5a und 5d. Anschließend vergleicht die Texte auf Seite 36 und erläutert Eure Meinung.“

Emilia kommt gleich im Sportunterricht an die Reihe, doch ein Mitschüler schubst von hinten, hält ihr die Augen zu, drängelt sich vor. Aber Emilia lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und läuft los, als ihre Lehrerin das Signal gibt.

Samuel hat gerade eine Mathearbeit hinter sich gebracht, jetzt ist kurze Pause und dann geht´s mit einem Spanisch-Test weiter. Der Achtklässler schaut nochmal schnell ins Vokabelheft und konzentriert sich dann ganz auf den Test.

Drei alltägliche Situationen, wie sie heute an jeder Schule vorkommen können. Dabei werden von Linus, Emilia und Samuel ganz bestimmte Fähigkeiten benötigt: Sich Dinge über einen Zeitraum von wenigen Sekunden merken zu können, sich nicht ablenken zu lassen und sich schnell auf eine neue Situation einzustellen. Diese sogenannten exekutiven Funktionen – das Arbeitsgedächtnis, die Inhibition (Impulskontrolle) und die kognitive Flexibilität – standen im Mittelpunkt einer Fortbildung, die die Handballer der HG Oftersheim/Schwetzingen für die Trainer ihrer Jugend- und Erwachsenenteams mit Unterstützung der AOK veranstalteten. Referentin Dr. Sabine Kubesch vom Institut Bildung Plus in Heidelberg erläuterte den etwa 30 Übungsleitern, wie wichtig die exekutiven Funktionen sind und wie sie trainiert werden können. „Diese wichtigen Gehirnfunktionen liegen der Fähigkeit zur Selbstkontrolle zugrunde“, so Kubesch. „Die Fähigkeit, das eigene Denken, die Aufmerksamkeit und das Verhalten sowie die eigenen Emotionen gezielt steuern zu können, ist eine wichtige Grundlage für den Erfolg in der Schule und im Leben.“

Mit zahlreichen Tests, Studienergebnissen und Beispielen aus ihrer praktischen Arbeit mit Kindergarten- und Schulkindern, mit Sportgruppen und Übungsleitern zeigte die Sport- und Neurowissenschaftlerin, wie wichtig Bewegung ist, um kognitive Fähigkeiten zu fördern – bis ins Seniorenalter. „Körperliche Aktivität regt das ganze Leben lang die Neubildung von Nervenzellen an“, erklärte Kubesch. „Kindern und Jugendlichen sollten wir die Möglichkeit geben, sich viel und ausdauernd zu bewegen. Dabei ist es wichtig, dass sie Spaß am Sport haben.“

Von hier war der Weg nicht weit zum Handball, einer komplexen Sportart, die Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen kognitiv viel abverlangt. So ist ihr Arbeitsgedächtnis ständig gefordert, um etwa die Anweisungen des Trainers umzusetzen; die Akteure müssen mit Druck umgehen, dürfen sich nicht vom Publikum oder von Schiedsrichterentscheidungen ablenken lassen; und sie müssen schnell und flexibel reagieren und die richtigen Entscheidungen treffen, wenn sich die Spielsituation oder das Verhalten des Gegenspielers ändern.

Schon im Kindergarten könne man die exekutiven Funktionen und die Selbstregulation spielerisch fördern und den Willen trainieren („der Wille ist wie ein Muskel“), zeigte Kubesch. Und Prof. Dr. Claus Wendt, Geschäftsführer vom Institut Bildung plus und ehemaliger Handball-Torhüter, verlagerte das Geschehen dann auf das Spielfeld der Nordstadthalle, wo er „ExF Light“ vorstellte. Mit diesem handlichen Gerät, das der Übungsleiter über ein Smartphone steuert, lassen sich mithilfe von Lichtsignalen alle exekutiven Funktionen variabel trainieren. Dabei sei es wichtig, die Schwierigkeitsstufen allmählich zu steigern und an der kognitiven Leistungsgrenze zu trainieren, so die Referenten. Und am besten trainierten Handballer die exekutiven Funktionen da, wo sie sie brauchen, nämlich auf dem Spielfeld.

Wer dies regelmäßig tue, so Kubesch, treffe nicht nur in der Sporthalle die besseren Entscheidungen, sondern erziele auch bessere Noten in der Schule, was sich wiederum auf den späteren beruflichen Erfolg positiv auswirke. „Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle ist auch wirtschaftlich und gesellschaftlich bedeutsam“, sagte Kubesch und verwies auf wissenschaftliche Studien. „Kinder mit besserer Selbstregulation und ausgeprägter Willensstärke sind im Erwachsenenalter wohlhabender, gesünder und auch weniger häufig straffällig als Erwachsene.“

Insofern war der Aufdruck auf dem Kapuzenshirt von Claus Wendt überhaupt nicht weit hergeholt: „Change the world through sport“, stand da und die HG-Handballer dürften nach dieser Trainerschulung hinsichtlich ihrer täglichen Arbeit mit rund 350 Kindern und Jugendlichen in Schwetzingen und Oftersheim selbstbewusst hinzufügen: „Wir verändern die Welt ein kleines bisschen durch Handball“.