HG zeigt beim Welde-Kamingespräch, welche Rolle Digitalisierung und Gehirntraining im Sport spielen

Der Sport war schon immer im Wandel. Doch was sich da in jüngster Zeit abzuzeichnen beginnt, dürfte für den Leistungssport einer mittleren Revolution gleichkommen. Digitalisierung und wissenschaftlich basiertes Gehirntraining würden den modernen Leistungssport massiv verändern.

Das war die Meinung der beiden Referenten Matthias Weber (SAP) und des Soziologieprofessors Dr. Claus Wendt beim von der HG Oftersheim/Schwetzingen getragenen Welde-Kamingespräch im Palais Hirsch. Dieses stand unter dem Motto „Schneller im Kopf – Digitalisierung und Gehirntraining im Sport“. Gerade im Mannschaftssport seien effektive Datenverarbeitung und deren -aufbereitung sowie Kognitionstraining unverzichtbare Instrumente für den Erfolg.

 

Für den Laien mögen Fußball oder Handball Spiele sein, für die es nicht viel mehr als einem Ball, zwei Tore und einige Spieler bedarf. Doch gerade im Spitzensport seien diese Zeiten schon lange vorbei, so das moderierende HG-Vorstandsmitglied Michael Zipf. Auch für den SAP- Innovationsmanager Weber ist Software der unsichtbare zwölfte (Fußball) oder der achte (Handball) Spieler, der über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Dabei zeigt er an zahlreichen Beispielen mit dem DFB, dem FC Bayern, den Rhein-Neckar-Löwen und vielen weiteren Vereinen diverser Sportarten auf, wie weit die SAP diese Entwicklung bereits vorangetrieben hat. Es verfestigte sich der Eindruck, dass die Datenerfassung und deren Aufbereitung in extrem detaillierten Analysen für den Erfolg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Brasilien 2014 von entscheidender Bedeutung war. Die kleinen Interviews der Nationalspieler und auch des Teammanagers Oliver Bierhoff ließen jedenfalls kaum einen anderen Schluss zu. Für den Torwart heißt das beispielsweise, dass er eine genaue Schussanalyse der Gegenspieler bekommt: Wer schießt wo am liebsten hin oder was verraten Blick und Anlauf.

Aber die Datenerfassung geht schon weit darüber hinaus. Beim FC Bayern München etwa werde Software für Pflege der Fankultur eingesetzt. Wer ist wie oft bei den Spielen, kauft welche Fanartikel und vieles mehr wird erfasst und genutzt, um die Beziehung zwischen Fan und Verein enger zu knüpfen. Über Datenschutz wurde dabei leider nicht gesprochen.

Sport als Kernfach an Schulen

Einen vergleichbaren Veränderungsdruck auf den Sport erzeugt zudem die Gehirnforschung. Für Wendt ist das Training der kognitiven Fähigkeiten eine Art Schlüssel zum Erfolg. Wahrnehmungstraining inklusive peripheren Sehens, Reaktionszeit und Leistungssteigerung für das Arbeitsgedächtnis seien Trainingsgebiete, die den Unterschied zwischen Spitze und Schluss markierten. Das Arbeitsgedächtnis könne gut trainiert bis zu sieben oder acht Impulse gleichzeitig verarbeiten, einordnen und verfolgen. Ebenso zunehmend trainiert werde die Inhibition – kurz: das Ausblenden von Störsignalen, sich auf das Eigentliche konzentrieren und nicht ablenken lassen. Am Ende drehe sich alles um das magische Dreieck – mentale Stärke, Selbstdisziplin und Willensstärke. Ganz nebenbei betonte der Mann auch die Bedeutung dieser Forschung in umgekehrte Richtung. Denn das sportliche Kognitionstraining habe auch einen positiven Einfluss auf das Lernen und Arbeiten in Schulen. Die Ergebnisse seien eindeutig. Mehr Sport bedeute einen besseren Lernerfolg. Schon Aristoteles wusste, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohne. Sport, daran ließe die Forschung in den Augen Wendts keinen Zweifel, müsste an den Schulen ein Kernfach werden.

In der abschließenden Diskussion mit den beiden Referenten und dem HG-Trainer Holger Löhr wurde deutlich, dass die Entwicklung der IT und die Gehirnforschung auch beim Sport für sehr weit gehende Veränderung sorgen wird. Natürlich sei es nach wie vor ein Spiel zweier Mannschaften um einen Ball und Tore, aber im Hintergrund – rund um Trainingsmethoden und Spielaufstellung – würde sich doch künftig viel verändern. Und diese Veränderungen würden in Zukunft auch mehr über Sieg oder Niederlage entscheiden. Dabei ließ Zipf zum Schluss keinen Zweifel daran aufkommen, dass die HG bei diesen Entwicklungen mit dabei sein wolle: „Wir werden diese Erkenntnisse zu nutzen wissen.“ ske

Schwetzinger Zeitung, Donnerstag, 17.01.2019